Kartenlegen: Vierviertel Legung

Vielen Tarot-Anfängern fällt es schwer, eine Legung tiefgehend zu interpretieren, nicht weil sie die Bedeutung der einzelnen Karten nicht erfassen können, sondern weil es ihnen nicht gelingt, eine Synthese aus den sich oft widersprechenden gezogenen Karten zu bilden und Schwerpunkte innerhalb der Thematik zu setzen. Die Vierviertel Legung ist eine hervorragende Methode, gerade diese Zusammenschau zu üben, denn sie arbeitet nur mit der großen Arkana und fordert dazu auf, Karten in Paaren zu betrachten. Ganz nebenbei beleuchtet sie dann auch noch hoch komplexe Hintergründe einer Frage und hilft zukünftige Tendenzen zu bestimmen. Somit ist sie auch für Fortgeschrittene durchaus geeignet.
Nachdem Sie alle zweiundzwanzig Trümpfe gemischt und Ihre Frage deutlich formuliert haben, legen Sie die Karten nach obigem Diagramm umgedreht aus. Zuerst zehn Karten im Uhrzeigersinn, dann weitere zehn entgegen selbigem, sodass sich 10 Paare ergeben. Die beiden übrigen Karten platzieren Sie in der Mitte der Auslegung. Nun drehen Sie alle Karten außer denjenigen in der Mitte um.
Die Paare 1+11, 2+20, 10+12 repräsentieren Sie und Ihre Frage (Ihr Vertrauen in die Situation, die Realisierbarkeit des Anliegens und dessen Berechtigung). Dabei haben 1+11 den stärksten Einfluss.
Die Paare 6+16, 5+17, 7+15 spiegeln die Widerstände („negative“ Karten) oder Unterstützung („positive“ Karten) bei der Verwirklichung Ihrer Pläne und Hoffnungen. Auch hier haben die zentralen Karten 6+16 die größte Bedeutung. Darüber hinaus ist zu beachten:
Die Paare 1+11, 2+20, 10+12, 6+16, 5+17, 7+15 stellen die Gegenwart dar.
Die Paare 3+19, 4+18 zeigen die Möglichkeiten der nahen Zukunft auf.
Die Paare 8+14, 9+13 zeigen das daraus resultierende Ergebnis.
Das Paar 21+22 funktioniert für Anfänger wie eine Art Rettungsring. Nur wenn Sie die Legung überhaupt nicht dechiffrieren können, drehen Sie sie um. Sie geben Ihnen dann eine klare, wenn auch sehr vereinfachte Antwort auf Ihre Frage.
Das Schöne an dieser Legung ist, dass Anfänger sich widersprechende Paarkarten (z.B. der Wagen neben dem Turm – Erfolg versprechender Aufbruch und gleichzeitiger Zusammenbruch) bei der Deutung ignorieren und einfach wieder umdrehen dürfen. Hingegen können sich Fortgeschrittene aber gerade dadurch feinere Schattierungen erarbeiten (vielleicht hat der positive Aufbruch ja ein Zerbrechen alter Muster zur Folge). Anfangs werden Sie die oben beschriebenen Regeln sicher buchstäblich befolgen, doch mit wachsender Sicherheit werden Sie auch Ihrer Intuition zunehmend vertrauen. Allmählich werden sämtliche zwanzig offenen Karten so zu einem Gesamtbild von großer Aussagekraft zusammenwachsen, wobei die mittleren Karten letztendlich nicht nur als bloße Zusammenfassung der Legung, sondern als eine zusätzliche erweiternde Dimension fungieren können, die übergeordnete, gänzlich unbewusste Aspekte der Frage offenbaren kann.
Ein praktisches Beispiel gelegt mit den Trümpfen des Tarot de Marseille: Eine Frau, nennen wir sie Eva, ist mit einem Ausländer verlobt, der auch noch einer anderen Religion angehört. Ihre Familie ist entschieden gegen die Hochzeit, was sie sehr belastet. Sie möchte wissen, wie sich die Beziehung entwickelt, sollte sie trotz aller Widerstände heiraten.
Die Situation aus der Perspektive Evas
Der Mond und die Liebenden in Pos. 2+20 widerspiegeln die Zweifel Evas an der Richtigkeit ihres Herzenswunsches, der Heirat. Sie deuten an, dass sie sich die Entscheidung wirklich nicht leicht macht und auch darunter leidet. Mit dem Eremiten und der Kraft in Pos. 10+12 wäre sie jedoch gut beraten, diese Zweifel nicht zu zeigen, sich aus der Diskussion mit ihrer Familie so weit wie möglich zurückzuziehen, damit sie ihre Stärke und Durchsetzungskraft so (re)aktiviert. Trotz Zweifel und Rückzug scheinen sie der Wagen und die Welt in Pos. 1+11, die ja den wichtigsten gegenwärtigen Einfluss für sie darstellen, ganz klar dazu aufzufordern, nichts auf die lange Bank zu schieben und ihrer persönlichen Vision vom (Ehe)glück zu folgen. Glaubt sie an sich selbst und ihre Liebe, scheint ihr Vorhaben unter einem guten Stern zu stehen.
Die Widerstände / Unterstützung in ihrer Umgebung
Das Paar Narr und Teufel in Pos. 17+5 weist deutlich darauf hin, dass die Umgebung Evas in der Tat den Heiratsplänen nicht wohlgesonnen ist. Auf Ignoranz basierender bösartiger Tratsch und der Versuch, sie nach den Wünschen des Familienkollektivs zu manipulieren, spiegeln sich hier wider. Das Rad des Schicksals und der Tod in Pos. 7+15 zeigen jedoch, dass sich in jedem Fall eine Wende anbahnt, die einen Neuanfang, wenn vielleicht auch einen schmerzlichen, herbeiführt. Es scheint einfach an der Zeit für einen Aufbruch, weg von alten Strukturen und hin zu einer selbstbestimmten Zukunft. Dies wird noch einmal von den starken Einflüssen des mittleren Paares in Pos. 6+16 unterstrichen. Die Päpstin und der Turm besagen in etwa: “Vertraue deiner Intuition, auch wenn alte Fundamente dabei zerstört werden.” Vielleicht wird Eva durch ihre Heirat so genannte Freunde und die Sicherheit des Familienzusammenhalts (der sie derzeit aber eher belastet als auffängt) verlieren. Doch da sich Veränderung sowieso abzeichnet, wäre es für sie wahrscheinlich besser, diese aktiv zu bestimmen als sich vom “Schicksal” manipulieren zu lassen. Hier werden wir wieder auf die zentralen Karte VII und XXI verwiesen, die ihr raten, ihren Traum lieber früher als später in die Realität umzusetzen.
Die Möglichkeiten der nahen Zukunft
Auch diese beiden Karten scheinen der Aktion Heirat grünes Licht zu geben: Der Papst neben der Gerechtigkeit in Pos. 3+19 lässt darauf hoffen, dass Evas Vorhaben unter dem Schutz höherer Kräfte als denen von menschlich/teuflischer Manipulation steht: Der hoffnungsvolle Glaube an sich selbst und das Versprechen, dass eine übergeordnete Gerechtigkeit in diesem Fall ein Machtwort sprechen wird, können ihr bei dem schwierigen Vorhaben, sich gegen viele Gegner durchzusetzen, hilfreich sein. Auch die Karten in Pos. 4+18 weisen darauf hin, dass Selbstvertrauen und das Festhalten an die für sie wahre Liebe zu neuer Selbsterkenntnis und Transformation führen können.
Das mögliche Resultat der ausstehenden Entscheidung
Sollte Eva sich gegen die Widerstände in ihrem Umfeld mutig durchsetzen, scheint sie nicht von ihren Hoffnungen enttäuscht zu werden. Die Herrscherin und die Mäßigkeit in Pos. 8+13 sind viel versprechende Anzeichen dafür, dass ihre Ehe für sie fruchtbar und ausgeglichen verlaufen wird, dass hier Gegensätze vereint werden können. Sie sind ein Zeichen großer femininer Stärke und bieten ein hervorragendes persönliches Entwicklungspotential. Auch der Magier in Verbindung mit dem Stern in Pos. 9+13 lassen darauf hoffen, dass die Heirat Evas Kreativität und Selbstvertrauen stärken wird. In dieser Verbindung deuten sich die Möglichkeiten zur Selbsterkenntnis, innerer Ruhe und lang anhaltendem Eheglück an.
Der Rettungsring
Betrachten wir nun noch die beiden umgedrehten Karten in Pos. 21+22. Eigentlich müssen wir sie nicht umdrehen, denn die Analyse der anderen Karten war äußert ergiebig. Dennoch fassen sie die Essenz der Problematik an sich sehr schön zusammen. Der Gehängte und der Herrscher weisen darauf hin, dass die jetzige, sehr herausfordernde Situation für Eva eine Aufforderung dazu ist, sich nicht durch die Autorität des Kollektivs (Familie, Religion und Herkunft) in die Bewegungslosigkeit manipulieren zu lassen, sondern sich aus ihr zu befreien. Sicher wird sie ein großes Opfer, nämlich den Verlust der Geborgenheit durch eben diese Autorität in Kauf nehmen müssen, doch wird gerade dieses Opfer sie auf ihrer persönlichen Lebensreise sehr viel weiterbringen als es die Ursprungsfamilie je tun kann. Die Karten zeigen, dass es an der Zeit ist, sich abzunabeln und den Schritt in das große Unbekannte zu wagen, auch wenn dies als sehr schwer empfunden werden wird.

Die Interpretation der Charakterlegung kann den Deuter vor unterschiedliche Herausforderungen des Kartenlegens stellen. Bei manchen, sehr klaren Persönlichkeiten, die mit sich und der Welt im Reinen sind, ist das Kartenlegen einfach: Alles liegt am richtigen Platz – z.B. die Sonne auf Position 2 oder eine eher schwierige Karte wie die 7 Scheiben/Fehlschlag auf Position 5. Schnell ergibt sich so ein schlüssiges Charakterbild. Doch die meisten Menschen sind verstrickt oder tragen irgendwelche Abgründe in sich. Diese zeigen sich dann, wenn während des Kartenlegens Karten auftauchen, zu denen der Fragende sich verweigert, oder Karten in den „falschen Positionen“: Zum Beispiel können auf „Was Person „A“ hasst oder fürchtet“ auch positive Karten liegen (wie etwa die 2 Kelche) und negative bei „Was „A“ liebt und ersehnt“ (z.B.: 5 Schwerter).
Er beherrscht sein Handwerk, hat alle Voraussetzungen, alle Werkzeuge zur Hand und er geht gerne spielerisch damit um. Er liebt Kommunikation und weiß sie einzusetzen. Bewunderung von Außen ist ihm wichtig. Der Magier ist hier auch ein Hinweis auf seinen Beruf, denn als Musiker tingelt er von Auftritt zu Auftritt. Es ist sein Job, die Leute zu unterhalten, und er liebt es. Aber der Magier zeigt auch einen Machtmenschen: Er will die Fäden in der Hand halten, ER ist der Magier. Diese Karte ist die einzige aus der großen Arkana in der Legung und daher besonders wichtig, denn sie stellt die Hauptmotivation für sein Verhalten und seine Handlungen dar.
Aufgrund ihres Wahrsagecharakters werden Kipperkarten besonders gerne auf Zigeunerart gelegt: im so genannten „großen Kartenbild“. Dabei wird das gesamte Deck nach Mischung einfach in vier Reihen à neun Kipperkarten ausgelegt.



